Definition
Der Methodenstreit der Nationalökonomie bezeichnet die fundamentale wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung im späten 19. Jahrhundert zwischen der Österreichischen Schule, angeführt von Carl Menger, und der Historischen Schule unter Gustav von Schmoller. Im Zentrum dieser Debatte stand die Frage nach dem Wesen der ökonomischen Wissenschaft selbst: Ist die Ökonomik eine theoretische Disziplin, die universell gültige Gesetzmäßigkeiten durch logische Deduktion ermittelt, oder ist sie eine empirische Geschichtswissenschaft, die lediglich historische Daten sammelt, um daraus spezifische Regelmäßigkeiten für bestimmte Epochen und Kulturen abzuleiten? Menger sprach dabei von Theorie im Gegensatz zum Historismus. Später gab Ludwig von Mises dieser deduktiven Linie den Namen Praxeologie.
Ökonomische Analyse
Die Historische Schule vertrat den Standpunkt des Empirismus. Sie lehnte die Idee zeitloser ökonomischer Gesetze ab und argumentierte, dass wirtschaftliches Verhalten untrennbar mit den wandelbaren sozialen und kulturellen Institutionen einer Nation verknüpft sei. Nach ihrer Auffassung ließe sich wirtschaftliche Erkenntnis nur durch induktive Methoden gewinnen – also durch das Sammeln und Auswerten massenhafter historischer Beobachtungen und Statistiken. Eine abstrakte Theorie ohne diese empirische Basis betrachteten sie als realitätsfern und unwissenschaftlich.
Carl Menger und die Österreichische Schule hielten dem entgegen, dass historische Daten ohne ein theoretisches Gerüst bedeutungslos sind. Um die komplexe Realität überhaupt ordnen und verstehen zu können, bedarf es vorab einer Theorie, die erklärt, welche Faktoren relevant sind und wie sie kausal zusammenhängen. Menger verteidigte die deduktive Methode: Aus dem Wesen des menschlichen Handelns lassen sich notwendige Zusammenhänge ableiten, etwa das Gesetz des Grenznutzens. Diese Einsichten greifen überall dort, wo Menschen handeln – unabhängig von Zeit und Ort. Ohne diese theoretische "Brille" bleibt die Geschichte eine bloße Ansammlung von Fakten ohne erklärende Kraft.
Gesellschaft als Labor
Ein zentraler Kritikpunkt der Österreichischen Schule am Empirismus ist der fundamentale methodische Unterschied zwischen Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften. In der Physik oder Chemie können Experimente unter isolierten Laborbedingungen beliebig oft wiederholt werden. Ein Stein fällt heute unter denselben Bedingungen genauso wie gestern, und ein Atom reagiert stets identisch auf denselben Reiz, da Materie keinen Willen besitzt und nicht lernt. Diese Konstanz der Naturgesetze ermöglicht es, Beobachtungen zu isolieren, Bedingungen gleich zu halten und daraus stabile Regelmäßigkeiten zu gewinnen.
In der Ökonomie, dem Bereich des menschlichen Handelns, ist dies unmöglich. Das Untersuchungsobjekt ist der handelnde Mensch, und dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er lernt, wertet und wählt. Menschen reagieren auf dieselben äußeren Umstände heute anders als gestern, gerade weil sie aus der Erfahrung von gestern gelernt haben. Wissen und Präferenzen sind nicht konstant, sondern befinden sich in ständigem Fluss. Es gibt in den Sozialwissenschaften keine Konstanten, die mit den Naturkonstanten vergleichbar wären. Daher ist es unmöglich, ein gesellschaftliches Experiment unter wirklich unveränderten Rahmenbedingungen durchzuführen. Man kann die Geschichte nicht anhalten, eine Variable verändern und den Rest der Welt einfrieren.
Daraus ergibt sich die Gefahr des empiristischen Ansatzes in der Politik. Da Empiristen keine logisch zwingende Theorie besitzen, betrachten sie die Gesellschaft oft als Versuchslabor. Sie rechtfertigen Eingriffe wie Mindestlohnerhöhungen oder Geldmengenausweitungen damit, man müsse ausprobieren, was passiert. Doch da sich die Bedingungen der komplexen Weltwirtschaft ständig ändern, kann ein historisches Ergebnis wie „Inflation blieb trotz Gelddrucken niedrig“ niemals beweisen, dass der theoretische Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisen falsch ist. Ein solcher Befund zeigt nur, dass in diesem Moment andere Faktoren – etwa eine steigende Geldnachfrage – entgegenwirkten. Zudem leidet staatliches Experimentieren am Kalkulationsproblem: Ohne echte Marktpreise für die betroffenen Alternativen fehlt jede saubere Wirtschaftlichkeitsrechnung, sodass Trial-and-Error auf Kosten Dritter betrieben wird, die per Abgaben zum Mitfinanzieren gezwungen werden. Wer die Gesellschaft als Labor betrachtet, spielt mit dem Wohlstand und der Freiheit echter Menschen, ohne die theoretischen Konsequenzen a priori zu beachten.
Praxeologie
Die logische Konsequenz aus der Unmöglichkeit naturwissenschaftlicher Methoden im Bereich des menschlichen Handelns ist die Praxeologie. Da wir Wissen nicht durch Experimente gewinnen können, müssen wir eine andere Quelle nutzen: die logische Analyse des Handelns selbst. Wir wissen a priori – also vor jeder Erfahrung und unabhängig von ihr –, dass Menschen handeln, um subjektive Ziele zu erreichen, und dass sie dazu knappe Mittel einsetzen müssen.
Auf diesem unbestreitbaren Axiom des Handelns baut die gesamte ökonomische Theorie der Österreichischen Schule auf. Wir müssen nicht warten, bis Daten uns zeigen, dass eine Erhöhung der Geldmenge die Kaufkraft pro Geldeinheit verringert, sofern die übrigen Bedingungen gleich bleiben. Diese Tendenz folgt logisch aus dem Wesen des Geldes und des Tauschs, auch wenn sie in manchen historischen Situationen vorübergehend von gegenläufigen Kräften überlagert wird. Die Praxeologie liefert somit ein sicheres, theoretisches Fundament, das uns erlaubt, die chaotischen historischen Daten überhaupt erst korrekt zu interpretieren und die zwingenden Folgen politischer Eingriffe vorherzusagen, ohne die Gesellschaft riskanten Experimenten auszusetzen.