Subjektive Wertlehre

Wert ist subjektiv

Definition

Die Subjektive Wertlehre besagt, dass der Wert eines Gutes nicht durch inhärente, objektive Eigenschaften (wie Arbeitsaufwand oder Materialkosten) bestimmt wird, sondern aus einem Werturteil des Handelnden über die Bedeutung dieses Gutes als Mittel zur Zielerreichung entsteht. Wer handelt, ordnet Mittel nach ihrer Fähigkeit, seine individuellen Bedürfnisse zu stillen – Wert ist deshalb immer ein Bevorzugungsurteil innerhalb dieser Ordnung.

Ökonomische Analyse

In der Tradition der Österreichischen Schule verstehen wir Wert nicht als eine physische Eigenschaft von Dingen, wie etwa ihr Gewicht oder ihre Dichte. Wert ist kein "Stoff", der in Gütern enthalten ist. Vielmehr ist Wert ein Bevorzugungsurteil. Der Handelnde bewertet, welche Bedeutung ein Gut für seine konkreten Ziele hat, und ordnet es entsprechend ein.

Dinge haben keinen Wert an sich. Wir verleihen ihnen Wert, weil wir glauben, dass sie geeignet sind, unsere subjektiven Unzufriedenheiten zu beseitigen. Ein Glas Wasser hat für jemanden, der gerade eine Flasche Wasser getrunken hat, einen anderen Wert als für jemanden, der seit drei Tagen in der Wüste wandert. Das Wasser (das physikalische Objekt) ist identisch. Der Wert ist jedoch radikal verschieden.

Ein fundamentaler Punkt der Österreichischen Schule ist die Erkenntnis, dass Nutzen eine rein ordinale Größe ist. Wir können sinnvoll sagen: „Gut A ist mir wichtiger als Gut B“. Was wir nicht sagen können, ist: „Gut A ist mir dreimal so wichtig wie Gut B“. Es gibt keinen objektiven Maßstab, der die Intensität einer Wertschätzung misst wie ein Lineal die Länge. Jeder Handelnde erstellt daher lediglich eine persönliche Rangfolge seiner Ziele und Mittel. Weil diese Rangfolge subjektiv ist, lassen sich die Nutzen verschiedener Personen auch nicht sauber addieren oder miteinander vergleichen.

Beispiel: Der Sammler vs. Der Banause

Ein perfektes Beispiel für die Subjektivität des Wertes ist eine seltene Briefmarke (z.B. die Blaue Mauritius).

  • Für einen Philatelisten hat dieses kleine Stück Papier einen immensen Wert. Er wäre bereit, ein Vermögen dafür zu zahlen, weil es ihm höchste Befriedigung verschafft (Stolz, Freude an der Vervollständigung).
  • Für einen Unwissenden ist es nur ein altes, dreckiges Stück Papier. Er würde es vielleicht achtlos wegwerfen oder nur als Zunder verwenden.

Physikalisch ist das Objekt identisch. Der Arbeitsaufwand zur Herstellung war minimal. Der gigantische Wertunterschied existiert nur in den Köpfen der beiden Individuen. Das zeigt: Wert ist keine Eigenschaft des Papiers, sondern eine Beziehung zwischen dem Menschen und dem Objekt.

Hinweis: Das berühmte Diamanten-Wasser-Paradoxon wird durch das Konzept des Grenznutzens gelöst.

Grenznutzen und Preisbildung

Die Brücke zwischen subjektivem Wert und Marktpreis ist der Grenznutzen – also der Wert der jeweils zusätzlichen Einheit in einer konkreten Situation. Niemand fragt: „Was ist Wasser insgesamt wert?“ Relevant ist, welchen Rang die nächste Flasche Wasser in meiner persönlichen Bedarfsskala einnimmt. Wenn meine wichtigsten Bedürfnisse bereits gestillt sind, fällt der Grenznutzen der nächsten Einheit stark ab; bei knappen Gütern wie Diamanten ist er wegen der geringen Verfügbarkeit hoch. Preise bilden sich dort, wo die Grenznutzenreihen der Anbieter und Nachfrager aufeinandertreffen.

Historie

Bis ins späte 19. Jahrhundert dominierte in der klassischen Ökonomie – geprägt von Adam Smith und David Ricardo – die objektive Wertlehre, insbesondere die Arbeitswertlehre. Sie unterstellte, der Wert eines Gutes ergebe sich aus der darin „verkörperten“ Arbeit. Doch dieser Ansatz konnte viele Preisphänomene nicht widerspruchsfrei erklären, etwa den hohen Marktwert eines zufällig gefundenen Goldklumpens, in dem keinerlei zusätzliche Arbeit steckt.

Die intellektuelle Revolution erfolgte 1871. In diesem Jahr veröffentlichte Carl Menger seine bahnbrechenden Grundsätze der Volkswirtschaftslehre. Zeitgleich, aber unabhängig, kamen William Stanley Jevons und Léon Walras zu ähnlichen Schlüssen. Dies markierte den Beginn der sogenannten Grenznutzenschule oder der "Marginalistischen Revolution". Die Verbindung aus subjektiver Wertlehre und Grenznutzen zeigte, wie Preise tatsächlich aus individuellen Urteilen und der Bewertung zusätzlicher Einheiten entstehen.

Menger erkannte als Erster, dass der Wert keine den Gütern anhaftende Eigenschaft ist. Er ist vielmehr die Bedeutung, welche wir der Befriedigung unserer Bedürfnisse beimessen. Diese Erkenntnis ist das Fundament der Österreichischen Schule, auf der alle weiteren Theorien wie Preisbildung, Geld, Zins und Staatstheorie aufbauen.